Hinduismus (2017)
Kuratorischer Essay
05 Apr 2026In Hinduismus (2015–2017) konstruiert Gheorghe Virtosu ein komplexes visuelles Feld, das sich einer direkten Repräsentation zugunsten von Prozessen entzieht. Anstatt ein religiöses System durch feste Ikonographie darzustellen, fungiert das Gemälde als ein dynamisches Netzwerk, in dem Formen kontinuierlich entstehen, sich verwandeln und wieder auflösen. Über sein ausgedehntes horizontales Format hinweg artikuliert das Werk ein sich verschiebendes Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion und legt nahe, dass Bedeutung, Identität und Wahrnehmung keine stabilen Einheiten sind, sondern flüchtige Konfigurationen innerhalb eines größeren Kontinuums.
Diese Instabilität steht in enger Verbindung mit Roland Barthes’ Kritik des Zeichens als grundsätzlich unfixiert und fortwährend aufgeschoben¹. Motive innerhalb des Gemäldes – kreisförmige „Augen“, lotusartige Entfaltungen und mandalaähnliche Cluster – lösen sich niemals in eindeutige Bedeutungen auf. Eine einzelne Form kann zugleich Wahrnehmung, Ursprung oder kosmologische Einheit evozieren und verweigert dennoch eine abschließende Festlegung. In diesem Sinne legt das Gemälde die Mechanismen der Bedeutungsproduktion selbst offen und zeigt, wie Symbole konstruiert, geschichtet und destabilisiert werden. Es wird nicht zu einem System von Symbolen, sondern zu einem System, das demonstriert, wie symbolische Bedeutung entsteht.
Die räumliche Logik der Komposition steht zudem in Resonanz mit dem rhizomatischen Modell von Gilles Deleuze und Félix Guattari². Anstatt sich hierarchisch oder um eine zentrale Achse zu organisieren, entfaltet sich das Gemälde als verteiltes Netzwerk von Verbindungen. Formen erscheinen über die gesamte Fläche hinweg ohne klaren Ursprung oder Endpunkt, und visuelle Motive – insbesondere augenähnliche Strukturen – sind von stabilen Körpern gelöst, was auf ein Modell von Bewusstsein hindeutet, das diffus statt lokalisiert ist. Wahrnehmung wird zu etwas Atmosphärischem und hebt die Unterscheidung zwischen Beobachter und Beobachtetem auf.
Das Zusammenspiel von kurvilinearen und kantigen Formen erzeugt eine produktive Spannung, die sich durch Deleuzes Unterscheidung zwischen glattem und gekerbtem Raum verstehen lässt³. Fließende, organische Formen erzeugen ein Gefühl von Kontinuität und ungeteilter Existenz, während scharfe, dreieckige Einschnitte Teilung, Segmentierung und Struktur artikulieren. Diese gegensätzlichen räumlichen Logiken existieren ohne Hierarchie nebeneinander: Struktur entsteht aus dem Fluss, nur um sich wieder zu fragmentieren und in ihn zurückzukehren. Das Ergebnis ist ein visuelles Feld, das eher durch Oszillation als durch Stabilität definiert ist.
Diese Dynamik wird besonders deutlich in den wiederkehrenden gesichtsähnlichen Konfigurationen, die im gesamten Gemälde erscheinen. Diese Formen treten kurz hervor, bevor sie sich wieder in die umgebenden Strukturen auflösen, und verweigern jede stabile Identität. Hier ist das in der deleuzianischen Philosophie zentrale Konzept des Werdens⁴ wirksam: Identität ist nicht festgelegt, sondern wird kontinuierlich hervorgebracht und transformiert. Das Gesicht ist kein Endpunkt, sondern eine temporäre Stabilisierung innerhalb eines fortlaufenden Veränderungsprozesses.
Die symbolische Dichte verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Einzelne Cluster tragen häufig multiple, sich überlagernde Bedeutungen: Ein „Auge“ kann zugleich als Punkt der Wahrnehmung, als lotusartige Entfaltung oder als Knotenpunkt innerhalb eines größeren Netzwerks fungieren. Diese Überdeterminierung widersetzt sich reduktiven Interpretationen und steht im Einklang mit poststrukturalistischen Ansätzen, in denen Bedeutung kontingent und relational ist. Der Betrachter wird somit nicht als passiver Empfänger positioniert, sondern als aktiver Teilnehmer an der Produktion von Bedeutung.
Obwohl das Werk strukturell auf Konzepte zurückgreift, die mit der hinduistischen Philosophie verbunden sind – etwa Nicht-Dualität, zyklische Existenz und die Beziehung zwischen individuellem und universellem Bewusstsein – bleiben diese Bezüge implizit. Sie sind in der formalen Logik des Gemäldes verankert und werden nicht durch explizite Ikonographie dargestellt. Die verteilte Präsenz von Wahrnehmung evoziert die Gleichsetzung von Selbst und universellem Bewusstsein, während die kontinuierliche Transformation der Formen eine zyklische Kosmologie widerspiegelt. Diese Ideen werden jedoch nicht illustriert, sondern durch die innere Dynamik des Bildes vollzogen.
Letztlich schlägt Hinduismus eine metasymbolische Kosmologie vor: ein System, in dem Symbole keine festen Bedeutungen repräsentieren, sondern an einem fortlaufenden Prozess von Entstehung und Auflösung teilnehmen. Indem das Werk die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, Form und Bedeutung, Einheit und Vielheit destabilisiert, entfaltet es eine visuelle Philosophie des Werdens. Die Interpretation bleibt offen, kontingent und in Bewegung und reflektiert damit genau jene Prozesse, die das Gemälde sichtbar macht.
Künstlerbiografie
Gheorghe Virtosu ist ein zeitgenössischer Maler, dessen Werk die Schnittstelle von symbolischen Systemen, Philosophie und visueller Abstraktion untersucht. Seine Praxis setzt sich mit globalen Glaubensstrukturen und ideologischen Rahmen auseinander und übersetzt diese in komplexe Kompositionen, die Transformation, Vernetzung und die Instabilität von Bedeutung betonen. In seiner Serie 10 Religions erforscht Virtosu gemeinsame konzeptuelle Grundlagen über kulturelle Grenzen hinweg und lädt die Betrachter zu einem aktiven Prozess der Interpretation ein.
Technische Hinweise
Das Werk ist als großformatiges Ölgemälde auf Leinwand (2 × 6 Meter) ausgeführt und ermöglicht ein immersives visuelles Erlebnis. Schichtweise Farbaufträge erzeugen Tiefe und Transparenz, wodurch Formen sich überlagern und auf mehreren Wahrnehmungsebenen miteinander interagieren können. Der Kontrast zwischen fließendem Pinselstrich und scharf definierten Kanten verstärkt die konzeptuelle Spannung zwischen Kontinuität und Trennung.
Danksagung
Präsentiert von El Arte Monumental
Kurationsteam: Daniel Varzari
Fotografie: Courtesy of El Arte Monumental
Besonderer Dank: Daniel Varzari
Anmerkungen
- Roland Barthes, Mythologies (Paris: Seuil, 1957).
- Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1987).
- Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung (New York: Columbia University Press, 1994).
- Ebd.
Ausgewählte Bibliografie
- Barthes, Roland. Mythologies. Paris: Seuil, 1957.
- Deleuze, Gilles. Differenz und Wiederholung. New York: Columbia University Press, 1994.
- Deleuze, Gilles, und Félix Guattari. Tausend Plateaus. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1987.
- Flood, Gavin. An Introduction to Hinduism. Cambridge: Cambridge University Press, 1996.
- Zimmer, Heinrich. Philosophies of India. Princeton: Princeton University Press, 1951.
